Eine Frau (59) schrieb mir per Mail, sie stünde vor der Entscheidung, ob sie ihre pflegebedürftige Mutter zu sich nach Hause holen oder in ein Heim geben solle. Die Ratsuchende hatte furchtbare Schuldgefühle. Egal, für was sie sich entscheiden würde, irgendwen würde sie dabei immer verletzten.
Ihr Mann und ihre Mutter hatten sich noch nie gut verstanden. Die Mutter hatte den Mann immer abgelehnt. Wenn sie also ihre Mutter zu sich nach Hause nehmen würde, würde ihr Mann das nicht gut heißen. Ihre Mutter wehrte sich auf der anderen Seite mit Händen und Füßen gegen ein Heim. Am liebsten wollte die Mutter zurück in ihre eigene Wohnung. Das ließ aber ihr Gesundheitszustand nicht zu. Was sollte die Ratsuchende also tun?
Ich bat die Ratsuchende, alle Alternativen noch einmal schriftlich festzuhalten. Sie schrieb auch alle Vor- und Nachteile der einzelnen Möglichkeiten auf. Diese Liste schickte sie mir dann per Mail zu.
Die Mutter der Ratsuchenden wollte sich auf meine Nachfrage hin nicht an der Entscheidung beteiligen. Sie schob die Verantwortung ihrer Tochter zu, um die Schuldgefühle bei ihr wach zu halten.
Nachdem ich mir alle Alternativen angesehen hatte und selbst auch noch einmal im Internet recherchiert hatte, stellte die Ratsuchende fest, dass es doch viel mehr Möglichkeiten gab, als sie zunächst angenommen hatte.
Ich machte der Frau Mut, sich die unterschiedlichen Modelle vor Ort anzusehen.
Durch die Recherche gut informiert, spielte die Ratsuchende jetzt alle ihre Möglichkeiten noch einmal durch und schrieb anschließend auf, was sie bei jeder einzelnen Alternative empfand.
Ich ermutigte sie, einige Möglichkeiten zu kombinieren. Das tat sie dann auch.
Sie schrieb mir, dass ihr das richtig Spaß machen würde, sich so kreativ zu betätigen.
Nachdem sich die Frau für eine Möglichkeit entschieden hatte, informierte sie ihren Mann und ihre Mutter. Trotzdem ließ sie beiden noch soviel Spielraum, dass Mann und Mutter ihre eigenen Ideen einbringen konnten. Das Ergebnis musste von allen Parteien getragen werden.
Die Lösung sah dann wie folgt aus: Die Tochter brachte ihre Mutter in einer betreuten Wohngemeinschaft unter. In der WG lebten mehrere ältere Damen und das entsprechende Pflegepersonal zusammen. Die Damen nahmen aktiv am alltäglichen Leben teil, indem sie das, was sie selbst noch konnten, auch taten. Eine Dame las z. B. jeden Abend etwas aus einem Buch vor, da einige Bewohnerinnen schlecht sehen konnten. Jede Frau hatte ihre Aufgabe entsprechend ihren Fähigkeiten. Auch die Mutter der Ratsuchenden. Nach anfänglichem Zögern gewöhnte sie sich schnell ein. Die WG ist zu ihrem neuen Zuhause geworden. Die Mutter bedankte sich bei ihrer Tochter, dass sie so eine gute Lösung für sie gefunden hatte.
Die Veränderung vollzog sich nach 2 Mailkontakten und einem einstündigen Entscheidungsgespräch, das auch über das Internet stattfand.