Ein Mann (53) kam zu mir und erzählte, dass er in Kürze transplantiert werden würde. Er hätte sich nach langem Zögern dazu entschieden, das Organ von einem fremden Menschen anzunehmen. Trotzdem war ihm nicht wohl bei der Sache. Er machte sich Sorgen darüber, dass er seinen Angehörigen schon genug zugemutet hätte mit seiner Krankheit. Ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn er gar nicht mehr aufwachen würde?
Auf meine Frage, wie es wohl seiner Familie gehen würde, wenn er nicht mehr da sei, brach der Mann völlig zusammen. Er weinte. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, versuchte ich den Grund für diesen Ausbruch herauszufinden. Es stellte sich heraus, dass er Angst vorm Sterben hatte.
Krankheitslotsin: Wie stellst Du Dir denn Sterben vor?
Ratsuchender: Ich sehe nur ein großes schwarzes Loch, das mich verschlingt.
Krankheitslotsin: Ist in Deiner Vorstellung alles nur dunkel oder gibt es da auch noch etwas anderes?
Ratsuchender: Jetzt wo ich so darüber nachdenke, sehe ich auch etwas Graues.
Krankheitslotsin: Kannst Du das Grau näher beschreiben?
Ratsuchender: Noch nicht.
Krankheitslotsin: Schau einfach noch einmal genauer hin.
Ratsuchender: Eigentlich ist es gar nicht grau. Je mehr ich es betrachte, ähnelt es den Umrissen einer Person.
Krankheitslotsin: Wer ist die Person? Kannst Du sie erkennen?
Ratsuchender:Ja, es ist mein Freund, der vor kurzem gestorben ist.
Krankheitslotsin: Und was macht Dein Freund?
Ratsuchender: Er winkt mir zu und scheint sich zu freuen, mich zu sehen.
Krankheitslotsin: Was löst das für ein Gefühl bei Dir aus?
Ratsuchender: Freude. Ich freue mich, ihn zu sehen.
Krankheitslotsin: Hast Du jetzt noch Angst vorm Sterben?
Ratsuchender: Nein. Ich mag mein Leben. Aber es beruhigt mich auch, dass mein Freund auf mich wartet. Egal wie meine Operation auch ausgehen wird, ich werde mein Schicksal annehmen. Wenn ich überlebe, werde ich mich freuen und das Leben genießen. Wenn es anders kommt und ich wirklich sterben sollte, gehe ich gefasst in den Tod. Nun hat der Tod keinen Schrecken mehr für mich.
Der Mann lud wenige Tage später alle Menschen ein, die ihm wichtig waren. Er veranstaltete mit seinen Lieben eine Trauerfeier, wie er sie sich vorstellte. Dabei flossen nicht nur Tränen. Es wurde gelacht und gescherzt. Mit diesem positiven Gefühl ließ er sich dann einige Tage später operieren.
Er hat die Operation gut überstanden. Er ist seinem toten Freund sehr dankbar, dass er ihm die Angst vor dem Tod genommen hat.
Die Veränderung geschah innerhalb eines Gesprächs von ca. 60 Minuten in meinen Räumen.